David Robert Jones (David Bowie) 1947-2016

David Bowie ist gestorben. Am 10. Januar. Zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag. Kurz nach Veröffentlichung seines neuen Albums. An Krebs. Im Kreise der Familie.
Soviel zu den Fakten. Und doch: im Gegensatz zu den meisten, die immer wieder von uns gehen, weil es nun mal dazu gehört, trauere ich diesmal mit.

Meine erste Begegnung mit David Bowies Musik fand in den frühen 1980ern statt. In seiner Pop-Phase. Ich hörte Let’s Dance, sah die Werbung für den Film Furyo – Happy Christmas Mr. Lawrence und wenig später tanzte da dieser seltsam gewandete Mann im Fernsehen zusammen mit Mick Jagger durch einen alten Klassiker von Martha Reeves & the Vandellas.
Das erste Bowie-Album kaufte ich mir mit zwölf. Die Platte hieß Never Let Me Down (1987), wurde von Kritikern zum Tiefpunkt seines Werks erklärt und ging eigentlich auch kommerziell ziemlich daneben. Aber das erfuhr ich erst später. Ich mochte sie. Ich hatte aber auch keine Ahnung, was ich bis dahin verpasst hatte.
Dann kam Tin Machine und mit dem Projekt ein neues Problem, das mir bei David Bowie immer wieder auffallen sollte: ich verstand ihn nicht.

Sich als Musiker eine gewisse Relevanz zu erkämpfen und diese dann auch noch fast vierzig Jahre lang durch alle Epochen, Stile und Moden zu behalten, erfordert einiges. Dafür muss man neugierig bleiben, sich selbst herausfordern, immer wieder in Frage stellen und natürlich auch scheitern. Und wozu? Sich selber zu zitieren und ein erfolgreiches Konzept bis zum bitteren Ende auszumelken, zahlt die Rechnungen doch auch.
Aber Bowie malträtierte mich mit Outside (1995) und Earthling (1997). Doch so wenig ich mit diesen Platten anzufangen wusste, so eindeutig blieb allerdings auch, dass mir der Künstler damit etwas sagen wollte. Das war nicht schlecht, keine plumpe Modeerscheinung – das war Absicht. Ein Versprechen, dass es da etwas zu entdecken gäbe, wenn man nur zuhört, wenn man dieses Musik gewordene Stereogramm nur lange und entspannt genug betrachtet.

Für mich war das damals allerdings zu schwierig. Ich wollte es bequemer haben, abgeholt werden. Und netterweise hatte David Bowie dafür anscheinend auch Verständnis.
Gut, bei Hours… (1999) hätte er mich nicht abholen müssen, ins Formatradio hatte ich mich nicht zurückgezogen – aber Heathen (2002) und Reality (2003), das sagte mir wieder etwas. Und auch danach. Mal mehr, mal weniger.
Solche oder ähnliche Probleme dürften vielen unter Bowies Freizeit- und Gelegenheitshörern bekannt vorkommen. Wollten seine Fans gerne mal eine zeitlang an einem Ort verweilen, zog der unruhige Maestro schon wieder weiter. Eine Tradition, der Bowie bis zu seinem letzten, die Rockmusik fast vollkommen hinter sich lassenden, Album Blackstar treu bleiben sollte. Nein, auf die langsameren unter seinen Zuhörern zu warten, war nie Bowies Stärke.

Geboren wurde David Robert Jones am 8. Januar 1947 in Brixton, Südlondon. Er war das Kind kleinbürgerlicher Eltern, zog von der Stadt in die Vorstadt, machte einen mittleren Schulabschluss, begann mit der Musik, veröffentlichte seine Debüt-Single für Parlophone, musste sich einen Künstlernamen zulegen, weil Davy Jones schon bei den Monkees war, nannte sich kurzzeitig Tom Jones, musste dann aber natürlich auch das ändern. Er wurde zu David Bowie, wechselte zu Deram, veröffentlichte den Laughing Gnome

Als ich dann endlich selbst im Januar 1975 geboren wurde, saß Bowie gerade mit Carlos Alomar und John Lennon in den New Yorker Electric Lady Studios und nahm Fame auf.

Für Bowie war dieses Lied der Durchbruch in Amerika. Ich wiederum sollte es erst zehn Jahre später zu hören bekommen, als Cover von Duran Duran.
Aber eigentlich kam man auch schon 1975 zu spät. Space Odyssey, Hunky Dory, Ziggy Stardust, Diamond Dogs (inklusive der weg retuschierten Hoden), Lou Reeds Transformer, Mott The Hoople, Iggy & The Stooges? Bowies direkte und indirekte Spuren in Musik- und Popkultur waren schon damals nicht mehr wegzudenken.
Low, Heroes, die Berliner Phase, Iggy Pops Idiot und Lust For Life, Queens Under Pressure, das seltsame Duet mit Bing Crosby hätte man früher/rechtzeitig mitbekommen. Aber gemessen an einem Mann, bei dem sich das Hinterherhinken fast nicht vermeiden ließ, war auch der Einstieg mit Never Let Me Down eine gute Wahl.

Er wird mir fehlen.

David Bowie – Lazarus from Crille Forsberg on Vimeo.

Wasserstandsmeldung: Lisa Hannigan – Sea Saw (2009)

Eine kurze Sammler-Meldung zwischendurch: Die Vinyl-Ausgabe von Sea Saw, dem in Kürze sieben Jahre alten Debutalbum von Lisa Hannigan, hat mittlerweile endlich den Wert, den sie verdient. Egal ob die US-Version auf ATO Records oder das bei Konzerten verkaufte Self-release, unter der 100-Euro-Marke ist da offensichtlich nichts mehr zu machen.

Lisa Hannigan – Lille from ATO Records on Vimeo.

25 für 2015: Unknown Mortal Orchestra – Multi-Love

Multi-Love, das dritte Album der amerikanisch-neuseeländischen Band Unknown Mortal Orchestra, erschien am 26. Mai.

Was folgte, waren reihenweise lobpreisende Besprechungen, der Gewinn des New Zealand Music Awards fürs Album, der Beinahe-Gewinn für die großartige Titelsong-Single und der weltweite Quasisofast-Durchbruch.

Ziemlich gut soweit, doch dann kam der Herbst und mit ihm Fifa16. Seitdem ist Can’t Keep Checking My Phone Teil des Soundtracks des Blockbuster-Videospiels und nicht mehr aufzuhalten.

Unknown Mortal Orchestra – Can't Keep Checking My Phone from Dimitri Basil on Vimeo.

25 für 2015: Brandi Carlile – The Firewatcher’s Daughter

Wieder geht ein Jahr zu Ende. Und natürlich gab es auch 2015 wieder jede Menge guter Musik. Deshalb startet hier ein kleiner Jahresrückblick mit 25 erwähnens-, lobens- und empfehlenswerten Liedern, Platten, Dingen, die dieses Jahr erschienen.

Starten wir dabei mal ganz traditionalistisch: Brandi Carlile, fünftes Studioalbum, das Erste für ATO Records, Americana/Folk, wie gewohnt mit den Hanseroth-Brüdern

The Firewatcher’s Daughter erschien am 3. März. Und weil/obwohl in Sachen Musikindustrie ja so ziemlich nichts mehr ist, wie es mal war, wurde das Album in den USA zu Carliles zweitem Top-10-Hit.

Platten von gestern: „Drink Me“ von Salad (Island Red Label, 1995)

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Eine Band, die eigentlich ziemlich gehypt wurde und gleichzeitig völlig unterbewertet ist – das muss man erstmal schaffen.
Sängerin Marijne van der Vlugt war in den 90ern VJ bei MTV Europe und damit eine ziemlich gewichtige „Medienpersönlichkeit“ der damaligen Zeit. Zusammen mit ihren Bandkollegen Paul Kennedy (Gitarre), Rob Wakeman (Schlagzeug) und Pete Brown (Bass) schaffte sie es zwischen 1994 und 1997 immerhin achtmal in die britischen Singles-Charts. Wenn auch meistens auf die unteren Plätze der Hitliste. Höhepunkt ihres Erfolgs waren dabei die Single „Motorbike to Heaven“ (Platz 42) und das Album „Drink Me“ (beide Mai 1995).

Produziert von Mark Freegard (u.a. New Model Army, Breeders) ist die Platte heute noch eine kleine Perle des shoegaze-inspirierten Britpop.
Wer sich eingehender mit „Drink Me“ beschäftigen möchte, um eine Wissenslücke zu füllen oder sich einfach eine kleine Freude zu machen, bekommt die CD heute vielerorts für irgendwas unter 2 Euro. Nur für die Vinylausgabe muss man schon etwas tiefer in die Tasche greifen.

Hinds – Burger (Burger Records)

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Die Hinds (ehemals Deers) sind vier junge Damen aus Madrid und haben sich mit ihrem lo-fi Garagenrock im vergangenen Jahr zu einer kleineren (Internet-)Sensation entwickelt.

Wer Letztes Jahr nicht das Glück hatte, eine der beiden bei Lucky Numbers erschienen Singles zu ergattern, hat jetzt die Möglichkeit, sich das bisher noch überschaubare Oeuvre der Band sogar auf Kassette zuzulegen – den netten Menschen von Burger Records sei Dank.

Und obwohl ich mal wieder wahnsinnig langsam war, das hier online zu stellen, ist die zweite Auflage der Kassette zur Zeit sogar noch erhältlich.

Genauso wie eine neue, zum letztmonatigen Record Store Day veröffentlichte, Split-Single.

Ehemalige Plattenläden: WOM (World Of Music)

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Ein WOM (World Of Music), eines dieser großen Tonträgerkaufhäuser mit den schier endlosen gelben Regalen, gab es bis in die 2000er Jahre in vielen großen deutschen Städten. Markenzeichen der Läden waren ihre großzügige Auswahl und die mindest ebenso großzügigen… nun ja, vor allem hohen Preise.

1982 in Kiel gegründet, begann die Blütezeit der WOMs Mitte der 1980er Jahre durch die Kooperation mit dem Kaufhaus-Konzern Hertie. Als eine Art Kaufhaus im Kaufhaus schmückten die Geschäfte bald die Haupteinkaufstraßen in Städten wie Berlin, Hamburg, Köln, München, Frankfurt, Bremen, Kiel, Hannover oder Freiburg.

1994 wurde Hertie vom ehemaligen Konkurrenten Karstadt übernommen. Und so gehörte wenige Jahre später auch WOM zu dem, was zur KarstadtQuelle AG (später Acandor AG) zusammen fusioniert wurde.

Dann kam das Jahr 2004 und die ehemals 18 WOM-Filialen begannen plötzlich – begleitet von der allgemeinen Krise des Tonträgermarkts sowie den finanziellen Schwierigkeiten des Mutterkonzerns –  in schneller Folge zu schließen. Das zwischenzeitlich entstandene Print-, TV- und Internetangebot wurde als WOM Media Network ausgegliedert. Auch wenn die eigentlichen WOMs nach und nach von der Bildfläche verschwanden, konnte das „WOM Magazin“ (ehemals „WOM Journal“) dadurch jetzt in 150 Karstadt-Kaufhäusern kostenlos mitgenommen werden.

Anfang 2009 war dann aber auch mit „Deutschlands meistgelesenem Musikmagazin“ Schluß. Die verbliebenen Markenrechte gehören heute der jpc-schallplatten Versandhandelsgesellschaft, die wom.de als Schwesterseite des eigenen Tonträgerversands weiterbetreibt.

Ist es wichtig? Heute: Interpol

Es ist August 2014 und Interpol sind wieder da, mit einem neuen Album.

Wer sich jetzt fragt „Inter-wer?“ und „wieso überhaupt ‚wieder‘?“, muss sich nicht schämen.

Bei Interpol handelt es sich um eine dieser düster-gefühligen Indie-Rock-Gruppen, die wunderbar ins Nachmittagsprogramm anonymer Großfestivals passen. Um so eine Art Strokes mit besserem, von bösen Übermusikschreibern gerne mit Ian Curtis verglichenem, Sänger. Oder wie es der Musikexpress in seiner neuesten Ausgabe formuliert, „der besten Rockband Amerikas“, inklusive „Platte des Monats“.

interpolDiese „beste Rockband Amerikas“ stammt aus New York und hat es in ihrer bislang zwölfjährigen (plus noch so’n bisschen) Plattenveröffentlichungsgeschichte in den heimischen USA auf zwei Edelmetallauszeichnungen gebracht. Das 2004er Antics brauchte dabei viereinhalb Jahre (und einige Sonderpreis-Runden) um die Grenze von 500.000 Verkäufen zu erreichen, während sich das 2002er Debüt-Album Turn On The Bright Lights stolze neun Jahre lang die entsprechende Käuferzahl zusammenhamsterte. Das ist gut, spricht für eine gewisse Beständigkeit und eine treue Fangemeinde. Gemessen am begleitenden Hype (die beiden Nachfolgealben starteten jeweils in den US- und UK-Top-Ten, um dann binnen weniger Wochen wieder komplett aus Charts und Bewußtsein zu verschwinden) ist das allerdings nicht so berauschend.

Musik: schon ok

Hype: JAWOLL!!!

Fazit: Wer den Kontakt zu seinem inneren (Alt-)Hipster nicht gänzlich verlieren möchte, sollte Antics mal gehört haben.

Interpols neues Album El Pintor erscheint am 5. September auf CD, Vinyl und immateriell.

Neuer Musikstreaming-Dienst von Daniel Lanois

Daniel Lanois hat für 2015 seinen eigenen Musikstreaming-Dienst angekündigt. Und im Gegensatz zu so manch anderem Digital-Voodoo-Gebabbel der letzten Zeit, klingt dieses Projekt tatsächlich mal nach einem Angebot mit wirklichem Mehrwert.

„Uprise.FM will offer a unique music experience, featuring the rare, unique and live recordings owned by artists that aren’t available on commercial streaming sites.“